Es sind Menschen wie Gandhi, die ohne Macht und ohne Gewalt ganze Kontinente transformieren. Und wir erleben gerade jetzt, wie ein Kind wie Greta Thunberg die Machtelite der Welt aufmischt und eine globale Bewegung unter Schülern anführt. Hoffnung gibt uns auch die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern, die eine neue Möglichkeit aufzeigt, wie positiv die Übereinstimmung von Personal Mastery und einer formalen Machtposition wirken kann. Und es sind Menschen wie Donald Trump, die durch ihre Schlauheit, gewisse Fähigkeiten und vermutlich auch eine gute Intuition und Instinkt an die Macht kommen, aber aufgrund der fehlenden Empathie, positiven Intention und ihrer Engherzigkeit massiven Schaden in der Welt anrichten. 

Wir sind der Frage auf den Grund gegangen, was den Unterschied zwischen Machtmenschen und echten Leadern ausmacht und warum manche Menschen ganz ohne formale Machtposition ganz Systeme transformieren können.

“Was verbindet ihr mit dem Begriff Personal Mastery”? Die Einstiegsfrage bei unserem 2. Live Blog Event löst ganz unterschiedliche Reaktionen aus: “Hart und streng”, “Selbstoptimierung und Disziplin”. “Ich suche immer nach deutschen Begriffen”, “Die Fähigkeit, sich selbst zu verstehen und zu führen”-

Wir arbeiten schon länger mit dem Begriff, halten Personal Mastery Workshops, in denen es im Grunde um Selbstermächtigung geht: tatsächlich und voll und ganz Verantwortung für sich und das Leben zu übernehmen und Zugriff auf sich selbst zu bekommen. Raus aus dem reinen Reiz-Reaktionsmuster hin zu einem tieferen Bewusstsein und einer höheren Bewusstheit. Wir nutzen mentale Modelle, Unterscheidungen, Übungen wie Meditation und Achtsamkeit.

Personal Mastery 2.0: Ein holistischer Zugang

Personal Mastery 2.0 ist eine Weiterentwicklung und ein holistischer Zugang zu der Frage, wie es heute und in Zukunft gelingen kann – als Mensch, Team und Organisation – kraftvoll, klar und zum Wohle aller zu arbeiten, zu führen, zu gestalten und auch erfolgreich zu sein. Was sind die wesentlichen Dimensionen, die uns als Menschen zur Verfügung stehen, die wir aufbauen, kultivieren und nutzen können um in einer unübersichtlichen Welt nicht nur irgendwie zu überleben sondern uns auch freudig und selbstwirksam erleben und entfalten zu können? Was brauchen Führungskräfte und wie kommen sie dorthin? Und wie gelingt Transformation?

Organisationen können sich nicht transformieren, Menschen schon

Einige Jahrzehnte in der Begleitung von Unternehmensentwicklungen und Führungsteams haben uns Folgendes gelehrt: Organisationen können sich nicht transformieren, Menschen hingegen schon. Ja, man kann an der Oberfläche Strukturen verändern, neue Systeme einführen und kreisförmige Organigramme zeichnen, aber die tatsächliche Transformation ist ein Ergebnis einer neuen Form der Führung. Und diese wiederum ist das Ergebnis einer inneren Transformation.

Unser Personal Mastery Modell zeigt, in welchen Dimensionen und auf welche Art und Weise diese innere Transformation erfolgt, die sich dann durch den “Übersetzungsriemen” Führung als transformierte Organisation manifestiert. Anders gesagt: Das SEIN (Personal Mastery), bestimmt das TUN (Führung) und das wieder erzeugt das HABEN (die Organisation).

PERSONAL MASTERY 2.0 – Das Modell

Wir unterscheiden in unserem Modell 4 wesentliche Dimensionen, die wir gleich genauer untersuchen:

1. Kognition

Das Werkzeug der Kognition ist der bewusste Denkprozess. Hier sitzt die Logik, der Verstand, der Intellekt, der Ort, an dem Zahlen, Daten und Fakten verarbeitet werden und woraus mentale Modelle geformt werden. Explizite Informationen und Wissen sind Input und Output des Denkprozesses. Es geht um Rationalität, um Nachvollziehbarkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse und objektivierbare Argumente.

Das Hauptwerkzeug sind denken und verstehen. Sie sind unglaublich nützliche und wichtige Werkzeuge, die allerdings in unserem westlichen Paradigma als alleinige Instanz von Relevanz anerkannt werden. Alle was sich nicht “rationalisieren” lässt wird gerne abgewertet, alles was wir nicht direkt verstehen und erfassen können ist “esoterisch” oder “Gefühlskram”.

Dadurch haben wir uns nicht nur als Personen sondern auch als Gesellschaft einen übergroßen Wasserkopf angelegt und andere menschliche Fähigkeiten sind dabei verarmt und verkümmert oder werden mit viel Energie verdrängt, bzw. rationalisiert. Wenn wir uns aber rein über Denken definieren, führt das zu einer Stärkung der Trennung und der “Illusion des getrennten Selbst”. Vereinzelung, Einsamkeit bis zur Depression können folgen dieser Überbetonung des Verstandes sein.

Leider, oder glücklicherweise erkennen wir jetzt, dass wir mit unserem Wissen und unserer Intelligenz zwar sehr weit gekommen sind, bis hin zur Fähigkeit, uns auf Knopfdruck selbst auszulöschen, trotzdem so viele Probleme zu lösen haben, dass wir unseren Kopf am liebsten in den Sand stecken würden. Selten war die Überforderung auf Vorstandsetagen so groß, denn die Welt ist, wie wir alle wissen, VUCI. (Volatile, Uncertain, Complex und Irrational). Unberechenbar und nicht mehr rein durch Logik zu kontrollieren. In unseren abendlichen Diskussionen wurde uns klar, dass das Festhalten an der Kognition ein Ergebnis unseres Wunsches nach Kontrolle entspringt, dass hier die Angst vor Kontrollverlust sitzt. Je weniger Kontrolle, desto mehr Stress, und das löst ganz alte Muster aus: die Zügel noch fester in die Hand nehmen und anziehen.

Nicht gescheiter sondern bewusster werden

Personal Mastery im Thema Kognition heißt für uns aber nicht: mehr denken und noch besser rationalisieren, sondern einen direkten und bewussten Zugriff auf unser mächtiges Werkzeug zu bekommen und hier berufen wir uns auf die Grundannahme von Weisheitstraditionen: dass der Geist ein Werkzeug für uns ist und nicht dass was wir selbst dieser Geist sind.

Freiheit entsteht nun darin, Zugriff auf eigene Gedanken zu bekommen, mentale Modelle und Denkmuster erkennen und benennen zu können, also auch in ein tieferes Bewusstsein zu kommen. Indem ich die Verantwortung dafür übernehme schaffe ich die Möglichkeit und Kraft, diese zu verändern und neue Bilder und Muster zu entwickeln.

Ein klarer und ruhiger Geist ist sowohl auf einer individuellen als auch kollektiven Ebene eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung einer kognitiven Mastery, wie wir sie meinen.

Zugänge und Übungen

Die Praxis und Kulturtechniken der Achtsamkeit wurden entwickelt, um unsere Geist zu kultivieren und an seinen eigentlichen Platz zu verweisen, nämlich ein Werkzeug zu sein dass uns dient und nicht dem wir zu dienen haben.

Meditation, Stille, aufmerksames Wahrnehmen, Atemübungen, Präsenz im Hier und Jetzt üben, Sein in und mit der Natur, Aufmerksamkeit auf das was ist, Retreats, oder kurzes Innehalten, sich in eine Haltung des aufmerksamen und neugierigen Beobachters begeben, sind Möglichkeiten.

Es gibt aber auch intellektuelle Zugänge, in denen wir Konzepte und Erkenntnisse aus Wissenschaft, Weisheitstradition, Psychotherapie und anderen Lehren zusammenziehen. Es geht hier um so einfache Unterscheidungen wie “was ich beobachte vs. meine Interpretation” herzustellen. Und weiters um ein Bewusstsein zu erlangen über den Preis und den Gewinn den wir zahlen, indem wir an bestimmten Sichtweisen festhalten. Sowie um die Möglichkeit, durch unseren Geist in uns einen Raum für neue Möglichkeiten zu eröffnen.

2. INTENTION

Die Intention ist das Herz des Personal Mastery Modells. Denken Sie mal nach: Ohne Denken können wir relativ lange Überleben, ohne Herz relativ kurz.

Die Intention bezeichnet die Qualität des Herzens, die wir das “Wollen” nennen. Das was wir wirklich wirklich wirklich wollen, die ursprüngliche Bedeutung von “New Work”, wie sie der austro-amerikanische Sozialphilosoph Frithjof Bergmann geprägt hat. In der Sprache von Weisheitstraditionen wird es auch das “Dharma” genannt: der Sinn und Zweck für den wir da sind. Unser Lebenssinn sozusagen. Dieser existiert auch für Unternehmen und Organisationen. Diese wurden immer aus einem bestimmten Grund für ein bestimmtes Vorhaben gegründet, das bei Erfolg am Weg oft verloren geht. Ein anderes Wort dafür ist der Daseinszweck, oder der “Purpose”.

Die Herzqualität beinhaltet natürlich und zuvorderst Emotionen wie Liebe (und denn Hass, eine verdrehte Form der Liebe), das Mitgefühl, die Empathie sowie die Verbundenheit auf einer emotionalen Ebene.

Hier finden sich auch Vertrauen, Mut, Entschlossenheit, Kühnheit und echte Begeisterung. Wir alle spüren bei uns wie bei anderen Menschen, ob wir Dinge mit Herz machen. Worte wie “Herzlichkeit” oder “Beherztheit” machen einen großen Unterschied aus.

Einen Mangel an Herzqualität erkennen wir an dem Gefühl von Sinnlosigkeit, Angst & Misstrauen überwiegen dann und Gefühlskälte macht sich breit. Desinteresse am Wohlbefinden von anderen führt zu Egozentrismus und destruktivem Verhalten. Zynismus, Hass, Wut und Frust sind mögliche Ergebnisse. Es fehlt der Wunsch, etwas Nützliches und Wichtiges beitragen zu können oder zu wollen, Teil von etwas Größerem sein zu können, oder auch die Erkenntnis, was dies sein könnte.

Ein Zuviel an Herz gibt es nicht. Gerät das Verhältnis zum Verstand aber aus dem Gleichgewicht, kann der Blick auf die Realität verloren gehen. Wir sind dann getrieben von Emotionen und könnten sogar radikal werden. Der Enthusiasmus kann sich gar in Hass, Wut und Selbstgerechtigkeit umkehren und das Verhalten wird irrational und unberechenbar, bis hin zur Radikalität – man meint es ja nur gut. Auch das kann zu Destruktivität führen, die sich mit der positiven Intention rechtfertigt. Hier kommt auch ein Stück Ethik herein: in unserer Sichtweise heiligt der Zweck die Mittel NICHT.

Für Organisationen gibt es auch einen schönen Begriff: den “Core Purpose” oder den Sinne & Zweck. In Core Purpose steckt der schöne Begriff Core: übersetzt heißt es der “Kern” oder auch “Herzstück”. Wenn wir den Begriff ernst nehmen, dann hieße das: wir gehen zum Kern, wir kultivieren unser Herz und damit meinen wir nicht nur das “Warum gibt es diese Organisation”, sondern wir finden auch die Liebe, die Emotion und echte, tiefe Intention.

Die Herzqualität ist genau das, was vielen Führungskräften und Unternehmen fehlt und der Grund, warum sich manche Firmen von Kälte und Sinnlosigkeit geprägt sind. Diese Energie des Herzens überträgt sich auf die MitarbeiterInnen und die externe Umwelt wie Kunden und Lieferanten. Warum fühlen wir uns in einem DM wohler als in einem BIPA? Warum sind wir in manchen Hotels sehr gerne und in anderen fühlen wir uns wie in der Schlafgarage? Es ist nicht nur das Design, sondern die Energie, die von den prägenden Menschen ausgeht. In einem der Posts haben wir dieses Thema aufgegriffen und über einen Mann geschrieben, der sein Unternehmen mit Liebe und Vertrauen geführt hat und genau diese Qualitäten auch bei seinen Mitarbeitern gestärkt hat.

Es ist weder gefühlsduselig noch unprofessionell, über Sinn und Herz zu sprechen, sondern notwendig, um Orientierung und Richtung zu geben, die weit stärker wirkt, als ein herz- und seelenloser Slogan. Nicht die Worte machen den Unterschied, sondern die Energie und die Emotion, die mitschwingt bei jenen, die ihn sagen und leben.

Es geht nicht um einen Überschwang an Emotionen und um lieb sein, sondern um die Kraft der klaren und reinen Intention, die die Herzensqualität mit sich bringt.

Die Aktivität in der Intention ist das Wollen, und zwar nicht das HABEN wollen sondern das POSITIV BEITRAGEN wollen.

Zugänge zur Intention und der Herzensqualität

Auch hier gibt es unzählige Kulturtechniken, die Kraft der Intention und des Herzens zu stärken. Wir kennen zum Beispiel die Vision Quest (man geht alleine in den Wald mit der Frage, was man wirklich will), die Lehr- und Wanderjahre, die Retreats und viele Achtsamkeitstechniken die dazu designt sind, uns mit dem eigenen Herzen und unserem Lebenssinn in Verbindung zu bringen.

Die wenigsten Menschen wissen, dass ein Hauptzweck (falls man überhaupt davon sprechen darf) der Meditation, neben der Zähmung und Klärung des Geistes, das Üben von Mitgefühl ist. Sich also auf einer Herzensebene mit anderen Menschen zu verbinden, sich in sie einfühlen lernen und den feinfühligen Menschen in uns zu kultivieren. Viel davon ist verloren gegangen und wenn man sich in den “Mindfulness” Räumen von Google umsieht, ist Herz kaum spürbar: es ist eher eine Trainingeinrichtung für den Geist, ein Bootcamp um die Konzentration und die Leistungsfähigkeit zu steigern und zwar jeder und jede für sich. Das Wort ist schon Programm: es geht um Mindfulness, wenn Heartfullness gefragt ist. Seelen- und Herzlosigkeit werden heute als zentrale fehlende Qualitäten moderner Unternehmen genannt – mit den bekannten unspezifischen Phänomenen im gesamten Feld von Burn-out.

Qualitäten wie Vertrauen und Zuversicht können geübt und kultiviert werden. Es ist möglich, die Ängsten sich in Vertrauen und Missgunst in Mitgefühl zu verwandeln. Das ist die Transformation, von der wir sprechen und die unsere Intention ist, wenn wir mit Führungskräften von Organisationen arbeiten. Hier liegt die Quelle von Angst, Kontrolle, Misstrauen und Micro-Management. Wenn sich auf dieser Ebene etwas verwandelt, dann manifestiert es sich später in den Systemen und Strukturen als gesamthafte Integrität, im Einzelnen wie im gesamten System.

Der wesentliche Schritt bei allen Dimensionen ist immer, sich dieser bewusst zu werden und die eigenen Wahrnehmen hierzu zu schärfen und zu stärken, bis wir in uns entsprechende Unterscheidungen treffen können, die uns hin zu einem tieferen Bewusstsein führen. Ein Beispiel sind die Emotionen oder auch Gefühle: anstatt zu versuchen, sie besser zu “verstehen” und zu “analysieren” und wegzupacken, loszulassen oder am besten ganz zu vermeiden und zu verdrängen, könnten wir das Gegenteil tun, nämlich unsere Gefühle bewusst zu fühlen: “to feel your feelings”. Wie fühlt sich ein Gefühl an? Welche Farbe hat sie, welchen Geschmack? Feinfühlig heißt auch “tieffühlig” werden und irgendwann der Information und dem Sinn hinter den Emotionen auf den Grund zu gehen. Dies gelingt nicht über den Verstand sondern über die ungefilterte Wahrnehmung, die nicht von Wunschdenken, Interpretationen und Ängsten verfälscht wird, sondern das reine “Gewahrsein” umfasst. Wieder ein Begriff aus diversen (östlichen) Weisheitstraditionen und spirituellen Praktiken. Wenn wir das Label “spirituell” weglassen, geht es um einen Grund-Zustand der Verbundenheit mit uns und der Welt, der nicht rein materiell sondern emotional und energetisch ist.

Den passenden Zugang zu finden ist eine der Aufgaben im Leben, die wir haben. Anbei aber zwei paar Fragen, die wir im Laufe der Zeit eingesammelt haben, die uns Zugang zur Intention des Herzens eröffnen können:

  • was ist es was ich wirklich, wirklich will?
  • “what makes your heart break?” Diese Frage führt uns zu dem, was uns wirklich berührt und wenn genauer hinspüren, oder auch hindenken, könnte sich darunter eine erste Antwort befinden.

3. Intuition

Intuition bezeichnet unsere Fähigkeit, auf Informationen zuzugreifen, die sich außerhalb unseres privaten/persönlichen Wissens und Erfahrungsschatzes befindet. Es sind Momente, in denen uns etwas Neues ein- oder zufällt, wie aus dem Nichts.

Physiker sprechen von einem Feld von Informationen, mit dem wir uns verbinden, das sich auch in implizitem Handlungswissen äußert: Ein unbewusster Prozess, der sich in stimmigem Handeln ausdrückt und sich einstellt, wenn wir in Resonanz (mit dem Feld) sind.

Intuition verschafft uns Zugang zu Kreativität und echter Innovation

Denn diese kommt aus dem Raum des Unbekannten. Wenn sie aus unserem bekannten Suchraum entsteht, dann ist Innovation eher eine Variation ohne transformativen Charakter. Wir haben diesem Thema unser erstes Live Blog Event gewidmet und einen Post dazu veröffentlicht.

Die Intuition greift dann, wenn der Verstand aufgibt

Ein anderer Grund, warum wir unsere Fähigkeit der Intuition kultivieren sollten ist die zunehmende Komplexität und völlige Undurchschaubarkeit von Zusammenhängen, die viele Entscheidungen auf einer rein rationalen Ebene unentscheidbar macht.

Unsere Intuition kann eine wesentliche Quelle der Information sein – idealerweise kombiniert mit Herz und Kognition. Es ist dieses implizite “Wissen, was richtig ist”, ohne dass wir es genau begründen können.

Intuition ist eine innere Instanz die uns befähigt, von Innen Bilder zu entwickeln, ohne zu wissen, was es werden wird. Eine wichtige Qualität für Führungskräfte, die auch nicht mehr wissen und die Zukunft nicht Voraussehen können, es aber dennoch tun müssen.

Instinkt und Bauchgefühl ist nicht dasselbe wie Intuition

Nicht zu verwechseln ist Intuition mit zwei anderen Begriffen, die häufig vermischt werden: den reinen Instinkt, der auf das physische Überleben und die Arterhaltung abzielt und das “Bauchgefühl”, das rein reaktives emotionales Verhalten begründet: die unmittelbare Antwort auf einen Trigger, der irgendwelche Erinnerungen und Muster lostritt, die nicht unbedingt hilfreich sein müssen.

Intuition liegt in der Tiefe und auch außerhalb von uns. Wir erkennen und finden sie zwar gefühlt in uns, aber wir spüren, dass wir hier mit einer Intelligenz verbunden sind, die größer ist als wir.

Intuition hält auch Aspekte von Weisheit und Spiritualität, sie hängen stark zusammen und zielen auf die Fähigkeit und die physische Tatsache ab, dass wir auf vielen Ebenen mit Allem verbunden sind, mit jedem Teil des Universums.

Das ist jetzt kein new-age Quatsch, sondern wurde uns von einem der wesentlichen Quantenphysiker unserer Zeit (Shantena Augusto Sabbadini) erklärt: unser Körper besteht aus Partikeln, die keine Materie sind sondern Felder, die durch das gesamte Universum schwingen. Dass uns Vieles esoterisch oder new agie erscheint, hat dann mit unserer Unwissenheit zu tun. So wie früher die Menschen das Wetter als mystisch und unerklärlich erlebten, bevor die Wissenschaft so weit war, es zu erklären, so ähnlich kommt uns jetzt vieles unerklärlich vor und wird als unwissenschaftlich abgetan, was aber weniger mit der Natur der Dinge sondern mit dem Stand unserer Erkenntnis zu tun hat.

Wenn sich viele Menschen sehr aufgeklärt fühlen, wenn sie alles metaphysische und spirituelle als nicht-existent ablehnen, sollten sie überlegen, ob vielleicht das Gegenteil stattfindet: das die Welt ihnen mystisch erscheint, weil sie nicht einmal nicht wissen, was sie alles nicht wissen. Aber das ist jetzt wieder ein anderes Thema.

Zugänge zur Intuition

In unserer kleinen Live-Blog Gruppe wurde hierzu massiv diskutiert: ist die Aktivität der Intuition “wissen”, oder “spüren” oder “zulassen” oder “vertrauen”? Oder geht es darum, manchmal einfach zu tun, wie zum Beispiel Malen, Schreiben, Klavier spielen, losgehen und sich leiten zu lassen, sich einlassen, in einer Offenheit geschehen lassen und nur wahrnehmen, was gerade passiert. Die wesentliche Qualität ist es sich ganz einzulassen auf sich selbst, den Moment und alles was Jetzt gerade ist.

Das beinhaltet zugleich das, was uns am meisten Angst macht: die Kontrolle aufzugeben und in Vertrauen zu verwandeln, worin wir so wenig Übung haben. Nirgends kultivieren wir diese Fähigkeiten im Erwachsenenalter, die uns als Kindern so einfach zugänglich war – das Versinken im Hier und Jetzt, die komplette Selbstvergessenheit. Das Eins werden mit unserem Tun und der Welt und allem um uns wird einem strikten Umerziehungsprozess unterzogen, der auf Trennung und Egotraining basiert: Wissen kommt von Außen und Oben, und ist nur etwas wert, wenn es im Intellekt erfassbar und erklärbar ist. Ab diesem Moment lernen wir, unserer Intuition zu misstrauen, bzw. diese mit viel Energie zu verschleiern oder zu rationalisieren.

Ein Teilnehmer des Live Blog Abends berichtet, wieviel Mühe es ihn kostet, im beruflichen Kontext sein intuitives Wissen in Zahlen, Daten und Fakten übersetzen zu müssen. Business Case rechnen ist das Gebot der Zeit. Wir alle wissen, dass Business Cases reine Erfindungen sind, mit denen wir uns die Welt schön und Hinrechnen und dass dahinter Wunsch oder vielleicht auch Intuition und Intention stecken.

Stille und Achtsamkeit (immer gut)

Zugänge finden wir in der Stille und im Gewahrsein. Auch hier sind Achtsamkeitstechniken, die in spirituellen Traditionen kultiviert wurden, hilfreich.

Fernwissen trainieren: was weiß ich über …

Es gibt Forschungen und Trainings zu Themen wie “Fernwissen”. Wir wissen um Ereignisse, die sich an anderen Orten und Zeiten abspielen, wir können Erfahrungen anderer Menschen oft auch auf körperlicher Ebene nachvollziehen. Die Aufstellungsarbeit hat sich diese konkrete Fähigkeit, Informationen aus einem Feld aufzunehmen, zunutze gemacht. Plötzlich fühlen wir, was der Vater des Ausstellers gefühlt hat, obwohl wir nichts über ihn “wissen”. Oder doch wissen. Intuition ist auch die Fähigkeit, zu “wissen, was wir wissen”. Die Frage die wir hier nutzen ist die Folgende: was weiß ich über XY?” XY kann eine Person sein, eine Organisation oder ein Gegenstand, den meine Freundin auf ihre Terrasse in Südspanien gestellt hat, während ich in Wien sitze.

Über die Haltung der Beginners Mind

Die Intuition ist dieses riesige universelle Feld von Wissen, das wir nicht durch Denken erzeugen sondern durch Offenheit und Leere einladen. Sie entsteht in einer Haltung der “Beginners Mind”, also des Nicht-schon-alles-wissens und in der wachen Präsenz und Neugierde.

Intention setzen, die Intuition zu nutzen

Ganz simpel: wir setzen die Intention, unsere Intuition zu stärken und stellen uns vor, dass in unserem Bauch ein Licht angeht. Funktioniert bei uns.

Die Impulse des Körpers wahrnehmen und ihnen folgen

Übung: Sie nehmen sich einen ganzen Tag vor, auch die winzigsten und kleinsten Impulse zuerst wahrzunehmen und ihnen dann zu folgen. Sie fahren mit dem Bus durch die Stadt und steigen aus, weil sie den Impuls dazu führen. Sie gehen in das Cafe, in das sie wie von Geisterhand geleitet werden und bestellen, was ihnen auf der Karte entgegenspringt. Sie überlisten ihre Gewohnheiten, die die Intuition üblicherweise übersteuern und tun das Gegenteil: die Intuition ist für einen Tag (oder eine Stunde), oberste Instanz. Im normalen Leben könnte es so aussehen, dass die Intuition durch die Instanz der Intention und dann nochmal durch den Verstand validiert wird, aber nicht definiert wird.

Empathie: wie würde mir es gehen an Stelle von..

Sepp Holzer verbindet die Empathie mit der Intuition und fragt sich “ob ich mich als dieses Tier oder diese Pflanze wohlfühlen würde… ” Dabei beobachtet er auch, auf welche Plätze sich Tiere von sich aus hinlegen und baut genau dort die Gehege auf. Dasselbe macht er mit den Pflanzen und siehe da: er erzielt erstaunliche Erfolge und üppige Ernten, ganz ohne Pflanzenschutzmittel (oder Insektenvernichtungsmittel). Ökologisch und ökonomisch ist er im Vorteil und die Frage die man sich stellen könnte ist nun, wer hier der Spinner ist: Sepp Holzer, der mit Tieren und Pflanzen kommuniziert, oder die Konzerne, die alles Niederspritzen, statt die Intelligenz der Pflanzen zu nutzen.

Jetzt stellen Sie sich eine Unternehmenskultur vor, in der Menschen über ihre Intention und Intuition sprechen und sich hierzu austauschen. In Kombination mit der Kognition könnte so etwas wie eine realistische Kreativität entstehen. Um das Ganze dann kraftvoll in die Welt zu bringen fehlt noch eine wichtige Dimension:

4. Manifestation

“Es gibt nichts Gutes außer man tut es” sagte schon Erich Kästner. Die Manifestation beschreibt in unserem Modell das Feld, in dem Umsetzung, Können, Dinge in die Welt bringen, Fähigkeiten, Talente, Disziplin und Übung, Form geben, „handgreiflich“ machen, Handwerkszeug, Gebrauch von Werkzeugen, Know-How, Erfahrung, Tatkraft, Tun, Geschick & Übung lebt.

Um der Intention und der Intuition Ausdruck zu verleihen, braucht es auch die Meisterschaft in einem Feld. Wir erwerben Fähigkeiten die uns helfen, uns in der Welt auszudrücken und uns einzubringen und die hoffentlich unseren Talenten möglichst entsprechen. Ein Instrument meisterlich zu beherrschen eröffnet viele Möglichkeiten, ebenso wie tischlern, musizieren, komponieren, moderieren, Zahlen jonglieren, kochen, Kampfkunst, Gärtnern, mit Tieren umgehen oder Haare schneiden. Den Umgang mit Werkzeugen zu erlernen erfordert Disziplin und Übung und daran knüpft sich dann auch ein “Können”.

Auch in der Manifestation geht es nicht darum, das Werkzeug immer weiter zu optimieren, sondern dem Tun auch Intention zu verleihen und den Verstand und die Intuition zu nutzen. Sonst könnte auch das meisterlichste Können zu einem sinnlosen, unterrichteten und auch schädlichen in der “Welt Herumfuhrwerken” werden.

Wenn wir wollen aber nicht können

Manchmal reicht es eben nicht, etwas zu wollen, man muss es auch können und wenn man es nicht kann, muss man es lernen oder delegieren. Beispielsweise ist es in Unternehmen durchaus sinnvoll, Moderationstrainings durchzuführen, denn Zusammenarbeiten ist nicht nur eine Frage des Wollens sondern auch der richtigen Techniken, die Vieles erleichtern. Lernen und Können sind hier die Zauberwörter der Transformation.

Zeit, wieder alle unsere Fähigkeiten zu kultivieren

Personal Mastery ist die Fähigkeit, diese vier Dimensionen des Seins zu unterscheiden, wahrzunehmen, zu kultivieren und miteinander in eine stimmige Verbindung zu bringen, ganz in uns werden zu lassen.

Um wirklich kraftvoll und wirkungsvoll zu gestalten, müssen wir spätestens jetzt wieder all unsere Ressourcen nutzen und nicht alles, was unter dem Hals ist, von uns abschneiden.

Die Meisterschaft besteht nicht darin, Meister in allen Bereichen zu sein, sondern die unterschiedlichen Dimensionen zu unterscheiden, ansteuern und auch wieder integrieren zu können.

Manchmal ist der Moment gekommen, an dem wir gezielt die Intuition anzusteuern und den Intellekt wegschabten, wenn er stört. In einer anderen Situation ist es vielleicht der richtige Zeitpunkt, eine intuitive Entscheidung mit der Kognition zu validieren, oder umgekehrt.

Meisterschaft zeigt sich immer in einem spielerischen Umgang und einer gewissen Leichtigkeit sich in und zwischen den Dimensionen zu bewegen und zu lernen, was wann wie einzusetzen ist.

Ist Personal Mastery im Business zumutbar?

Als wir das Modell einem Freund vorstellten sagte er spontan: “Ja, eh klar, aber ist das in einem Business Kontext zumutbar?” Natürlich.

Wir sollten uns vielmehr die Frage stellen, warum wir es für zumutbar halten, dass sich Menschen im Businesskontext von ihrem Herz und Intuition abschneiden.

Im Gegenteil, es ist auch aus ökonomischen Gründen nicht sinnvoll: denn es geht nicht nur die Information und die Qualitäten aus den diversen Bereichen verloren sondern auch die Energie, die wir benötigen, um uns davon zu trennen und schön runterzudrücken. Wollen wir das wirklich? Warum tun wir das? Damit wären wir bei den Hindernissen, die ebenfalls sehr emotional diskutiert wurden.

Die Hindernisse

Was hält uns also ab, wieder einen holistischen, ganzheitlichen Zugang zu uns und der Welt zu finden, und damit nicht nur das private sondern das gesamte Leben zu meinen. Denn auch die Trennung in privat und beruflich führt zu dem Glauben, dass wir im beruflichen Kontext nur mehr aus Kopf und Hand bestehen dürfen. Es gibt viele Hindernisse, hier seien einige aufgezählt:

Unser Paradigma das eine Hierarchie festlegt, in der die Kognition das Leitkriterium ist, sie steht über allem.

  • Angst vor Kontrollverlust, bzw. Aufrechterhaltung der Illusion von Kontrolle, die sich in Detailplanungen und Kontrollwahn spiegelt.
  • Die Sehnsucht nach Sicherheit, die scheinbar aus einer Kontrolle über den Verstand entsteht.
  • Die Vermeidung von Schmerz, indem unangenehme Emotionen weggedrückt und abgespalten oder übertüncht werden (und damit größer werden) und auch die Trauer über das Ungelebte in Kombination mit einer vermuteten Alternativenlosigkeit.
  • Die Angst, nicht dazuzugehören, ausgeschlossen zu werden oder nicht mehr ernst genommen zu werden, die auch existentiell und sogar auch realistisch sein kann. (Ich würde ja eh gerne, aber es geht nicht, ich traue mich nicht, die Welt ist noch nicht soweit).

So halten wir uns gegenseitig in Geiselhaft und versagen einander die einfachsten Bedürfnisse und Fähigkeiten.

Natürlich wachsen dann Angst und Misstrauen noch mehr, Menschen werden krank und Unternehmen zu kalten und sinnentleerten Orten. Wenn der Unsicherheit mit noch mehr Angst und noch mehr Kontrolle begegnet wird, kann man sie tatsächlich züchten und wunderst sich dann, warum so wenig Innovation, kein Feedback und keine echte Kollaboration sondern nur Zusammenarbeit im geringsten Maße stattfindet. Wenn wir dann noch Change- und Agile Projekte draufpropfen, ernten wir noch mehr Verwirrung und Widerstand, denn der Boden ist nicht bereit. Wir können Vertrauen nicht erzwingen sondern nur ermöglichen. Kultur hat etwas mit bewusster Kultivierung zu tun, und das ist eine Aktivität aller Sinne und Seinsebenen, wie eben beschrieben.

Unsere Intention

Unsere Intention ist es, bei Führungskräften für einen klaren Geist, eine beherzte Intention und Zugang zur Intention zu sorgen, und dadurch zu einem “change of heart” zu führen, der in der Lage ist, ganze Systeme zum Besseren zu verändern.

So endet der Artikel wie er begonnen hat, nämlich mit der Überzeugung, dass die Manifestation in der Welt Ergebnis eines Zustandes im Innen von Menschen und Teams ist, der sich verselbständigen kann (als System), aber nicht auf der Ebene auf der er sich zeigt transformiert werden kann. Personal Mastery ist die Fähigkeit in Harmonie und Übereinstimmung von Verstand, Herz, Intuition und Handwerk zu agieren und dies ist eine massive Transformation in sich.

Julia Culen & Christian Mayhofer

Am 27.5.2019 findet das nächste Live Blog Event zum Thema “Buddhist Economy” statt. Wir erzählen, was wir in HongKong darüber gelernt haben und wie unser Workshop über Personal Mastery (siehe oben) angekommen ist.

Infos und Anmeldung hier

Links

Intuition is the key to good design

Auf den Spuren der Intuition: 13 Folgen in BR alpha

The power of intentions