Kürzlich besuchte ich einen Feldenkraisworkshop zum Thema “Augen und Sehen”. Ich war – wieder einmal – überrascht, wie viel wir von Feldenkrais über Transformation und Organisationsentwicklung lernen können. Die Art und Weise, wie Muster unterbrochen und Konzepte und Vorstellungen gestört werden und so zur Transformation beitragen, begeistern mich und lassen sich 1:1 auf alle Systeme übertragen, behaupte ich zumindest. Ich habe einige der Überlegungen im folgenden Post zusammengefasst.

Wer in 10 Sekunden verstehen oder erklären will, was das Wort “Musterbruch” bedeutet, mache bitte folgendes, lächerlich winziges Experiment:

Man drehe den Kopf langsam nach rechts und die rolle die Augen langsam nach links. Dann umgekehrt (Kopf links, Augen rechts). Zu leicht? Dann bitte doppelt so schnell.

Die Augen sind gewohnt, der Bewegung zu folgen, oder viel mehr ist es umgekehrt: die Augen leiten die Bewegung ein, der Rest folgt. Wenn wir dies nun aufbrechen und die beiden Bewegungen voneinander trennen, ganz gegen Intuition und Gewohnheit, haben wir – voila – den Musterbruch.

Haben Sie schon mal probiert, die “Augen hängen zu lassen”? Ich übe noch. Noch schwieriger wird es, wenn man Brustbereich, Schulterbereich, Kopf und Augen jeweils gegeneinander verdreht, die Bewegungen also “unterscheidet”. Wir sind gewohnt, alles mehr oder weniger in einem Block zu bewegen, so steifen wir ein.

Feldenkrais durchkreuzt auf ganz subtile, unaufgeregte, unglamouröse Weise und dabei komplett radikal unsere Bewegungs-, Koordinations- und Denkmuster.

Es kommt alles so harmlos daher. Ich denke, haha, da passiert ja gar nichts, und dann passiert alles, womit ich nicht gerechnet habe, und noch viel mehr. Zum Beispiel verschwinden die Knieschmerzen, damit hab ich nun wirklich nicht gerechnet, beim Augentraining.

Dass man nach einer 3 Stunden Session (1 Stunde davon ist Pause) völlig erschöpft ist und nach der zweiten 3 Stunden Einheit den ganzen Tag außer Gefecht ist, kann man sich vorher auch nicht vorstellen. Körper und Geist sind durcheinander, sie adjustieren sich neu. Das Koordinationszentrum pendelt sich neu ein, in einen ursprünglichen (gesunden) Zustand.

Die ungewohnte Anstrengung

Feldenkrais ist etwas anderes. Man schwitzt nicht. Man hebt nichts, außer manche Körperteile, im Schneckentempo. Man legt auch keine Strecke zurück. Aber diese kleinen (manchmal fiesen) Bewegungen sind nicht anstrengend im herkömmlichen Sinn, sondern die Herausforderung liegt in der Ungewohntheit.

Ich nenne sie “ungewohnte Anstrengung”. Sie macht uns müder, irritiert uns mehr, kostet mehr Überwindung. Die Erschöpfung hat eine andere Qualität als jene, die uns die gewohnte Anstrengung bringt. Wir bauen nicht Gewohntes aus, sondern Neues auf. Die ungewohnten körperlichen Bewegungen setzen subtile und starke Impulse ins zentrale Nervensystem und regen neue Verbindungen und Wege an. Es ist nicht die Anstrengung der Muskeln, sondern der Nerven.

Die gewohnte Anstrengung

Die gewohnte Anstrengung ist uns vertraut, sie kennen wir schon. Ungewohnt kann jetzt noch die Intensität sein, anstrengender als sonst, die Muskeln beginnen zu brennen, wir keuchen. Im übertragenen Sinn können wir uns aber hintrainieren, sodass wir immer mehr Muskeln und Kondition aufbauen, im Sinne von mehr, besser, schneller und höher.

Oder wir gewöhnen uns an einen Dauerzustand der Angestrengtheit: wenn man immer krumm geht, ist das zwar vorerst mal sehr anstrengend und schmerzhaft, aber irgendwann ist es gewohnte Normalität, ja, wir halten daran oft sogar fest, ist sie doch Teil unserer Identität geworden. So sind wir halt, so ist das/mein Leben eben, sagen wir uns dann. Die schmerzhafte Anstrengung ist zu unserer Komfortzone geworden, nicht etwa weil sie komfortabel wäre, sondern weil wir nichts ändern müssen. Nicht selten sind Menschen und noch Organisationen stolz darauf, wie sehr sie sich bis ans Limit pushen, welche Schmerzen sie ertragen und dabei gar nicht merken, wir unintelligent sie handeln.

Schon kleine Änderungen, die relativ schnell zu einer Entlastung der gewohnten Anstrengung führen können, meiden wir dann. Denn die “ungewohnte” Anstrengung hat die Qualität des Neuen in sich, des Unbekannten, und sie kostet Überwindung. So trainieren wir lieber wie gewohnt Kraft um die vertraute, alte Anstrengung besser zu ertragen, als uns dem Ungewohnten mit weniger Aufwand zu stellen. Immer weniger Output mit immer mehr Aufwand und Anstrengung also. Kennen Sie das?

Von der Schwierigkeit, sich nicht anzustrengen

Die Therapeutin sagt uns, einfach den Ehrgeiz und die Anstrengung wegzulassen. Nur soviel machen, dass es nicht anstrengend wird, dann Pause. Leichter gesagt als getan.

Es braucht Disziplin, sich nicht anzustrengen, die eigenen Grenzen zu wahrzunehmen und dann auch zu wahren. Die Einsicht, dass ich den Kopf am Bauch liegend ehrlicherweise nur ein paar Zentimeter heben kann ohne Schmerzen zu spüren (was ich ja nicht soll) ist schlichtweg kränkend. Man muss hier ehrlich sein und sich ja nicht zu sehr bemühen, denn dann macht man die Wirkung zunichte. Warum? Weil der Körper bei Schmerz und Anstrengung beginnt zu blockieren und weniger zulässt. Üblicherweise erhöhen wir die Bemühung und probieren nun, mit Kraft und Zwang weiterzukommen. Verspannung, Schmerz und Verbiegung sind die Folge, bis hin zur Verletzung und zur Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Das Gegenteil von Leichtigkeit, Bewusstheit und dem spielerischen Ausloten neuer Möglichkeiten.

Die Veränderung ist nicht Ergebnis der Anstrengung, sondern ein natürliches Ergebnis, wenn wir Aufmerksamkeit und Wahrnehmung nach innen lenken, feinste Unterscheidungen beginnen wahrzunehmen und uns gestatten, komplett ungewohnte Bewegungen durchzuführen.

Die Feldenkrais Grundannahmen durchkreuzen unsere Konzepte

  • Manchmal bewegt man sich nicht einmal, sondern stellt sich die Bewegung nur vor, während man am Boden liegt. Auch das wirkt schon.
  • Nachdem ich eine Stunde nur die linke Seite bewege – wartend auf den Ausgleich, wann kommt endlich rechts dran – sagt die Therapeutin lapidar: die andere Seite lernt automatisch mit, das Nervensystem mag keine Asymmetrie, daher überträgt es das Gelernte von selber auf die andere Seite. Kein Ausgleich also. Sehr irritierend.
  • Es gibt hier kein richtig und falsch, kein besser und schlechter: Der Blick zum Nachbarn ist völlig sinnlos, auf Lob vom Lehrer warte ich vergeblich. Wie es allerdings genau wirkt, weiß auch Feldenkrais nicht, denn alles wirkt bei allen anders. Je nach dem, wer, wie und was gerade los ist bei jedem. Alles kann passieren, denn Feldenkrais gibt Impulse in ein lebendiges System, und alles was man zu tun hat, ist: Wahrnehmen. Wie gesagt, ich mache den Augenworkshop und danach sind die Knieschmerzen weg. Kollateralnutzen inkludiert, sozusagen.
  • Selbstverantwortung für sich selber, die Grenzen und die Pausen. Ach ja, Pausen soll man machen, am besten bevor man sie braucht. Dann braucht man nicht so lange für die Erholung später. Auch interessant.
  • Manchmal muss man genau das Gegenteil von dem machen, was man möchte: wenn man das Kiefer entspannen möchte (probieren Sie das mal), muss es oft zuerst fest angespannt werden, um es überhaupt richtig spüren zu können. Danach wird es losgelassen. Paradoxe Intervention, nennen das die Experten.

Ähnlich geht es auch Organisationen und Personen in Veränderungsprozessen. 

Organisationen erleben gerade die Grenzen der Anstrengung. Sie wissen, dass mehr, schneller, besser weder möglich noch zielführend ist. Sie haben ihre Leistungsfähigkeit ans Limit gepusht und genau so fühlen sie sich jetzt auch an: ausgebrannt, erschöpft und wenig kreativ. Für Neues und Ungewohntes fehlt jetzt einfach die Kraft. Noch etwas mehr Leistung rauspressen, daran ist man gewohnt. Wendet man nun die Feldenkrais Prinzipien an, dann könnte man auf folgende Ideen kommen:

  • Anstrengung weglassen, weniger machen, Druck verringern und Bewegungsspielraum vergrößern
  • So nehmen wir die Anstrengung wahr und fragen uns, ob wir sie überhaupt noch brauchen.
  • Wenige, ungewohnte “Bewegungen” ausprobieren.
  • Intensiv wahrnehmen, was gerade passiert (im Austausch)
  • Die Anstrengung noch mehr zurückfahren
  • Darauf vertrauen, dass sich das Lernen eines Teiles auf den anderen überträgt.
  • Ziele mal weglassen und neue Intentionen setzen, wie z.B.: wir machen Dinge, die uns Freude machen und leicht fallen. Wir suchen neue Spielräume. Anstrengungen lassen wir mal weg.
  • Anstatt auf ein Change Ziel hinzuarbeiten, sich sehr anzustrengen und zu zwingen, einfach Mikrointerventionen zu planen. Ohne bestimmtes Ziel, bloß die gewohnten Muster stören und darauf vertrauen, dass sich im zentralen Koordinationsorgan irgendetwas neu ordnet, und zwar in einer Form, dass irgendetwas leichter wird. (es gibt also doch ein Ziel, aber man weiß nicht, wie das Ergebnis auszusehen hat).
  • Zum Beispiel immer wieder die Sitzordnungen verändern. Die Küche umsortieren, neue Wege durchs Büro gehen. Mit Leuten reden, die man nicht so gut kennt. Ministörungen einbauen. wer weiß? Ich werde das demnächst ausprobieren, wenn sich die passende Gelegenheit findet. 🙂

Die ungewohnte (Nicht)Anstrengung führt zu völlig unvorhersehbaren Ergebnissen, die unerwartet großartig sind.

https://juliaculen.com/2017/08/26/ueber-die-parasitaere-anstrengung/
Bewusstheit statt Anstrengung – Feldenkrais für Organisationen