In diesem Artikel nähern wir uns dem Thema aus einer weltanschaulichen (paradigmatischen) und wissenschaftlichen Perspektive. Wir teilen eigene Erkenntnisse, die wir aus unserer Forschung, aus Literatur, Gesprächen Konferenzen und Retreats mitgenommen haben, als Anregung zum Weiterdenken und Überdenken, speziell für Menschen in Führungspositionen.

Diesen Artikel haben wir (Christian Mayhofer und Julia Culen) gemeinsam verfasst. Wir finden, dass die Zeit reif ist, einen Schritt weiter und tiefer hinter Begriffe wie Achtsamkeit und Mindfulness zu gehen, die das Wort „Spiritualität“ meiden wie der Teufel das Weihwasser – getrieben von der Angst, in das esoterische Eck gestellt zu werden und Menschen und Unternehmen abzuschrecken. Dabei macht Menschen nicht Spiritualität Angst, sondern die Vorstellung, die sie davon haben. Das ist schade, denn spirituelle Weisheitstraditionen sind die Basis für vieles was uns heute bereits selbstverständlich scheint, Methoden der Achtsamkeit und deren Werkzeuge. Wenn man diese allerdings nicht kennt und versucht sie auszublenden, versäumt man deren Tiefe und Möglichkeiten.

Spiritualität – es tut gar nicht so weh

Beim Wort „Spiritualität“ stellen sich vielen Menschen die Nackenhaare auf: von esoterisch (dem totalen Killerargument für Glaubwürdigkeit) bis zum töpfern in der Toskana, von Räucherstäbchen bis zum tree hugging.

Bereits einfache Achtsamkeitsübungen wie Atemübungen oder Meditation, Mainstream in Silicon Valley’s Tech Firmen, sind im deutschsprachigen Raum noch weitgehend verpönt. Eher ist man angepeint, wenn man gemeinsam in Stille sitzen soll, oder vielmehr: die Vorstellung davon. Manche Manager meditieren, aber heimlich, die sogenannten „closet Meditators“ oder Schrankraum Meditierer. Jeder, der ernst genommen werden will, vermeidet tunlichst alles, was bloß den Hauch von „Spiritualität“ aufweist. Man will gar nicht in den Verdacht kommen, das Wort auch nur zu denken, insbesondere und vor allem im Business Kontext. Dabei sprechen alle dauernd davon, ohne es zu merken (Purpose, Sinn, Inspiration, Kooperation..)

Spiritualität hat in seiner ursprünglichen Bedeutung weder mit Religion noch Meditation zu tun. Es stammt vom lateinischen „inspirare“ – „einatmen“, „einhauchen“, „anfachen“, „beseelen“ und „beleben“. Spiritualität bezeichnet also die Vorstellung, Alles sei belebt und beseelt: Jeder Stein, jeder Baum, jede Pflanze, alles Wasser, die Luft, der Wind, das Wasser, das gesamte Universum und auch wir sind Teil dieser lebendigen Welt. Nichts, keine Welt außerhalb von Beseeltheit also.

Spiritualität meint also, dass alle und Alles den ähnlichen Prinzipien des Lebendigen unterworfen sind. Wir entstehen, wir blühen auf und vergehen wieder, das eine entsteht aus dem anderen und wir sind alle Gast in einer lebendigen Welt, in der alles von einer gleichen Würde beseelt ist. Alle tribalen Kulturen, viele Religionen und die meisten Weisheitstraditionen gründen in dieser Sichtweise, die sich stark und unmittelbar vom direkten Erleben der Welt ableiten.

Die Welt als tote Materie

Mit der Entwicklung der monotheistischen Religionen und später des modernen technologischen Zeitalters wurde das Göttliche, das Spirituelle aus dieser beseelten Welt raus(-gedacht) und hin zu dem Einen Gott „delegiert“, der natürlich außerhalb dieser Welt residiert: Das Ergebnis war, dass wir ab diesem Zeitpunkt Gast einer entseelten Welt waren, nichts Göttliches mehr in uns und um uns, alles quasi tot und untergeordnet und nur mehr dazu da, von uns Menschen ausgebeutet zu werden. Plötzlich lebten wir in einer toten, oftmals feindlichen Welt, die getrennt von uns existierte. Alan Watts – Philosoph und Religionspsychologe – hat es immer wieder folgendermaßen zusammengefasst: Wir kommen nicht AUF und IN die Welt sondern AUS der Welt (so wie Blätter nicht AUF den Baum sondern AUS ihm spriessen). Für Aborigenes und andere tribale Kulturen ist es klar und keiner Erwähnung wert, dass wir der Erde gehören (Mutter Erde), und nicht umgekehrt.

Materialismus und seelische Verarmung

Zusammen mit der Ausbreitung des römischen Rechtes und ihrer zentralen Erfindung, der Idee des Eigentums, des rechtlichen Subjektes und in Folge des persönlichen Besitzes konnte erstmalig in der Geschichte der Menschen Erde (von Individuen) „besessen“, in Besitz genommen werden und deren Besitzer über sie somit nach Gutdünken verfügen. Die Folgen davon sind überall sichtbar. Wir haben uns von einer belebten Welt zu einer materiellen Welt entwickelt, mit der wir uns (natürlich) als nicht (mehr) verbunden sehen. (Shantena Augusto Sabbadini)

Wir leben also nun im Paradigma des Materialismus, der Wissenschaft, der Technologie und genau so fühlt sich das Leben für Viele auch oft an: kalt und seelenlos, nicht zuletzt in Unternehmen. Menschen, als fühlende und spirituelle Wesen, leiden darunter, denn sie spüren, dass sie mehr sind als nur die Biomasse aus der sie bestehen und das uns dieses Paradigma glauben macht. 

Moderne Wissenschaft bestätigt altes Weisheitswissen

Interessanterweise hat eine spirituelle Sichtweise auf die Welt im letzten Jahrhundert, vor allem durch wissenschaftliche Erkenntnisse der Quantenphysik neuen, unerwarteten Auftrieb erfahren. Auf der Suche nach dem Stoff, aus dem Materie besteht, ist die Quantenphysik in immer kleinere Bestandteile der uns so solide scheinende Materie vorgedrungen und hat doch niemals feste Materie, dieses eine letzte „feste“ Partikel gefunden. Ganz im Gegenteil, das Erstaunliche war: je tiefer sie vordringt, desto mehr Raum findet sie vor. Nicht einmal die Partikel selbst kann man sich als separate „Teilchen“ vorstellen, sondern vielmehr als lokale Manifestationen von Feldern, die sich durch das gesamte Universum ausbreiten. Insofern sind wir alle auf physikalischer Ebene komplett mit allem verbunden.

Getrenntheit als Illusion

Die „Individuen“ als die wir Menschen uns erleben, sind also ein „Erleben“ und nicht separierte „Objekte“. Ähnlich den Wellen, die der Ozean hervorbringt. Wir sind also Erscheinungen in der Zeit und niemals getrennt vom großen Ganzen, auch dies ein zentrales Bild der großen östlichen Weisheitstraditionen. Viele der berühmten Quantenphysiker haben auf ihrem Forschungsweg daher ihre eigene Spiritualität entdeckt oder „wiedererkannt“, nachdem da Nichts war, bloß Energie, Frequenz, oder wie manche (Heisenberg, Bohr, Pauli, etc) sagten: Bewusstsein, das Materie formt und Materie, die das Bewusstsein formt. Das mag nun wieder „new agie“ klingen, aber es ist harte Wissenschaft. 

Zurück zu den Wurzeln und zum Sinn in Unternehmen

Langsam legt sich das Zögern um den Begriff Spiritualität und weicht einem mutigeren Hinschauen, auch im Management. Viele kleine Schritte in der modernen Unternehmensforschung und Unternehmensentwicklung tragen das ihre dazu bei. Den letzten entscheidenden Schritt hat womöglich der zunehmende und zunehmend akzeptierte Fokus auf den Begriff des „Purpose“ geleistet. Er bezeichnet die Bewegung, Sinn und Zweck eines Unternehmens zu ergründen und diesen in den Mittelpunkt des Handelns zu stellen. Er definiert diesen als die sinnstiftende Quelle für Motivation, Bindung und Sinngebung und erlaubt Mitarbeitern, das eigenen Tun daran zu kalibrieren. Plötzlich gibt es wieder Sinn, oder auch ein Etwas, das es möglich macht, uns als Sinn-Gemeinschaft zu erleben. 

Ein humanistisches Weltbild

Der Blick hat sich in den letzten Jahren auch dahin gehend geöffnet, dass langsam wieder der „ganze Mensch/Mitarbeiter“ in den Mittelpunkt rückt. Zu lange hat der Versuch angedauert, den Menschen ausschließlich auf den „Produktionsfaktor“, die Human Resource zu reduzieren. Auf das entseelte Wesen Mensch sozusagen, welch ein ökonomistischer, linearer, technoider, vor allem aber liebloser und verächtlicher Zugang und Haltung, die Verdinglichung des Menschen. Als Ganz gesehen zu werden beinhaltet eben auch unser ganzes Sein, auch das spirituelle Wesen, das wir immer waren und sein werden. („Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“..). 

Hier sinnerfüllende Antworten geben zu können wird die Kernkompetenz modernen, menschlichen Managements und vor allem von exzellenter Führung sein. 

Was heißt das für Führung?

Für Führungskräfte heißt es, dass die Betonung der Verbundenheit, des Gemeinsamen weit natürlicher und deswegen auch kraftvoller und effizienter ist, als ständigen Kampf gegeneinander zu führen und diesen Kampf bewußt anzufeuern.

Unternehmen, so geführt, werden von ihren Mitarbeitern ganz „natürlich“ und aus freien Stücken die „Extra Meile“ geschenkt bekommen. Dieser entscheidende letzte Schritt, für den Unternehmen nicht in Geld bezahlen können, sondern dem sie sich zuerst als würdig erweisen müssen, den sie also ausschließlich geschenkt bekommen können und für den sie in Vorleistung gegen müssen. Genau diese Extra Meile ist immer häufiger der spielentscheidende Faktor am Markt und bei den Kunden.

Dahin geht die Reise und hierfür braucht es Werkzeuge für unsere Führungskräfte. Sicht-und Handlungsweisen also, die sie selbst in Händen haben und die sie in sich zu entwickeln und zu kultivieren haben.

Nicht zuletzt sind Unternehmen dann attraktiv und werden auch bei jüngeren MitarbeiterInnen attraktiv, wenn sie sorgsam und respektvoll mit sich selbst und auch der Umwelt umgehen. Sozialunternehmertum ist im Auftrieb und vor allem Unternehmen, die nicht bloß auf den Gewinn und Wachstum, sondern auf Prosperität der Gemeinschaft, der Communities, des Gemeinwesens schauen: leben und leben lassen. Es muss nicht gleich Spiritualität heißen, doch hinter vielen Trends liegt heute die Sehnsucht nach der Anerkennung, dass die Welt bereits verbunden und inspiriert, also belebt ist und dass wir alle um uns herum so behandeln sollten, wie wir es uns selbst – wenn auch insgeheim wünschen: mit Respekt, mit Wertschätzung, mit Rücksicht und auch mit Liebe. 


Erste einfache Schritte

-) Walk the talk

-) Kindness –  vielleicht am besten mit Güte übersetzt – als Gegensatz zu „nett sein“. Seien Sie nicht nett, seien Sie auch nicht unnett, seien Sie vielmehr klar und „kind“ und entschlossen.

-) Beginners Mind  – kommen Sie vom tiefen und forschenden Nicht-Wissen, glauben Sie sich nicht alles was Ihr Verstand sie selbst denken lässt. Lassen Sie sich dadurch Altes Land mit Neuen Augen sehen! Die Möglichkeiten werden Sie überwältigen.

-) Stille –  sorgen Sie für Momente der Stille. Für sich und für Ihre Kollegen/Mitarbeiter/Ihr Team. Beginnen Sie Ihren Tag am Schreibtisch mit 2 Minuten in Stille zu sitzen, beobachten Sie Ihre Gedanken, Körpersensationen, atmen Sie ruhig. Erhöhen Sie bald auf 5 Minuten, nicht mehr. Beginnen Sie dann, Ihre Meetings mit wenigen Minuten der Stille zu eröffnen – und zu schließen. Entwickeln Sie hierin eine Practice und für sich und für das Team ein Muster. Ermutigen Sie sie darin, es Ihnen nach zutun. Seien Sie darin konsequent und verlässlich. Enden Sie Ihren Tag mit wenigen Minuten der Stille.

-) Seien Sie froh und heiter und ernsthaft. Gleichzeitig.

-) Seien Sie dankbar für Vieles in Ihrem Leben und teilen Sie das mit anderen. Und seien Sie irgendwann einfach dankbar für Alles.

-) Verzichten Sie auf „gut ausschauen“ oder „gut da zu stehen“. Werden Sie sichtbar, gestatten Sie sich manches auch Nicht zu wissen, nicht der Beste zu sein, machen Sie sich (an)greifbar, berührbar, manchmal auch widersprüchlich. Das heißt es menschlich zu sein. Sie werden gut ausschauen.

-) Machen Sie den nächsten Schritt. Nicht den übernächsten. Aber ein (1) nächster Schritt ist für Jeden möglich.

Mehr dazu

Alan Watts: „Was hält das Zeug“ und alle anderen Bücher von Alan Watts

Videos von Alan Watts: z.B. https://www.youtube.com/watch?v=0CXqgLIPjwg

Augusto Shantena Sabbadini: Pilgrimages to Emptiness.

Video: Christian und Shantena im Gespräch „Quantum Physics and Wisdom Tradition“ (die Videos haben Untertitel, da der Ton schlecht ist, bitte einschalten)

Mind, Matter and the Separate Self part 1″

„Mind, Matter and the Separate Self part 2“