Sicherheit – was sich viele wünschen und wenige geben wollen

“Die Welt” – unsicher, volatil, komplex wie sie ist, man kann sich auf nichts verlassen. Wir stehen auf schwankendem Boden, die Gegenwart ist verwirrend, die Zukunft ungewiss. Kein Wunder, dass sich die junge Generation vor allem eines vom Berufsleben wünscht: Sicherheit. Das hätten alle gerne: mehr Sicherheit, mehr Stabilität, mehr Vorhersehbarkeit.

“Wir haben ein Problem mit Commitment” sagt mir das Managementteam eines gar nicht kleinen IT-Unternehmens. Will heißen: wir halten Vereinbarungen nicht ein, man kann sich auf uns nicht verlassen, also schon, aber nur meistens und vielleicht. Führungskräfte, die sich nicht an ihre Versprechen halten, unterminieren ihre Integrität oder Glaubwürdigkeit: sie sind dann jemand, denen man nicht glaubt.

Wollen Sie so eine Führungskraft sein? Wollen Sie in so einem Unternehmen arbeiten, das die äußere Instabilität durch innere Unverbindlichkeit verstärkt? Sie operieren in einem komplett volatilen Umfeld und reden sich auf die Unsicherheit im Außen aus, schaffen es aber nicht einmal, pünktlich bei einem Meeting zu erscheinen oder Deadlines einzuhalten?

Ich würde schätzen, dass 80% der Verunsicherung in Unternehmen selbst erzeugt ist. Und die äußere Unsicherheit dient als Erklärung für die eigene Unwilligkeit und auch – ja – Undiszipliniertheit. Das soll jetzt nicht moralisierend wirken, es ist einfach nur kraftlos und schwächend, eine Organisation in einen solchen Zustand zu versetzen.

Tatsächlich verhält es sich mit der Sicherheit so wie mit der Wertschätzung: alle wollen sie haben und keiner will sie geben.

Die gefühlte Unsicherheit kommt nicht nur von “der Welt” insgesamt sondern wird vor allem in unserem täglichen Leben spürbar. Vereinbarungen, die nicht eingehalten werden. Versprechen, die nichts wert sind. Ankündigungen, die keinerlei Aktivität nach sich ziehen. Kurzfristige Absagen, wenn das nächst Bessere auftaucht. Kostenlose Veranstaltungen, bei denen mehr als die Hälfte der Sessel leer bleiben. E-mails, die nicht beantwortet werden. Nichts hält, kein Wort trägt, niemanden kann man ernst nehmen, bis man den Beweis hat, dass es diesmal doch hält. Anmeldungen, die erst in letzter Minute erfolgen, wenn man ganz sicher ist, dass doch nichts noch Wichtigeres stattfindet. FOMO schlägt zu  – die Fear of Missing Out – oder die Angst, etwas zu Versäumen.

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Diese komplette Unverbindlichkeit und Unzuverlässigkeit im täglichen Umgang grassiert wie eine Epidemie: Menschen fühlen sich ihrem höchsten Gut, ihrem Wort nicht mehr verpflichtet, sie nehmen sich selbst nicht ernst und andere auch nicht. Die Unverbindlichkeit und Unzuverlässigkeit der anderen führt dazu, dass man sich selbst ebenso verhält, was wiederum bei anderen dasselbe auslöst. Das führt in Summe zu einer massiven Verunsicherung: worauf kann ich überhaupt noch bauen? Auf wen kann ich mich noch verlassen?

Es ist auch eine Frage von Würde und Respekt, sich und andere ernst zu nehmen.

Je weniger Stabilität, desto mehr Sehnsucht nach Sicherheit, eine Sicherheit die wir allerdings von “der Welt” erwarten. Wir sehen nicht, dass wir einander Sicherheit sein müssen, uns selbst und anderen. Wir sind “die Welt” für andere Menschen und diese ist es für uns. Es gibt keine höhere Instanz, die für Stabilität sorgen wird. Es ist wie mit dem Vertrauen: Menschen sagen, sie können erst vertrauen, wenn ES Vertrauen gibt. Und bis dahin verhalten sie sich misstrauisch und erzeugen Misstrauen und warten darauf dass Vertrauen auftaucht. Das Problem: es machen (fast) alles so. Das Ergebnis: es wird immer schlimmer. Keine Sicherheit, kein Vertrauen, wenig Stabilität. Die Unzuverlässigkeit der anderen wird zum Basis und zur Rechtfertigung unsere eigenen Unverlässlichkeit.

Das sind Zustände die nicht SIND, sondern die wir mit und füreinander ERZEUGEN. Dies sind keine Objekte, die wir haben können, es sind Aktivitäten die wir selbst, jeden Tag setzen und erschaffen können.

Hand aufs Herz: wie zuverlässig sind wir selbst? Halten wir, ich und Sie, unsere Vereinbarungen ein? Egal wie klein, wie minder sie uns scheinen mögen? Vielleicht sind diese für andere sehr wichtig. Manche Menschen warten möglicherweise auf die von uns versprochene Antwort, die uns nicht mehr wichtig genug ist. Wir rechnen gar nicht mehr damit, dass sich andere auf uns verlassen und ernst nehmen. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Und wie oft sind wir die Wartenden, die für unsere Gegenüber gerade nicht mehr so interessant sind? Wollen wir wirklich “unverbindliche” Beziehungen.. wisch und weg?

Es gibt sicher viele Gründe.. so what. 

Ich weiß nicht, war es früher etwas besser? Haben wir heute so viel mehr Auswahl, ist es schwieriger geworden zu wissen, was wir wollen, was uns wichtig ist? Welchen Beitrag hat Technologie, die Schnelligkeit, in der neue Optionen auftauchen, andere abgesagt werden, bessere Einladungen erfolgen? Es gibt sicher mehr Verführungen und die Möglichkeit, Menschen kurzfristiger zu erreichen tut wahrscheinlich nichts Gutes zur Sache.

Zuverlässige Menschen sind unsexy. oder nicht. 

Menschen, die pünktlich sind, die Verbindlichkeit geben und einfordern – sind das die Spießer, sind die uncool? Nicht für mich. Ganz im Gegenteil, mit denen will ich zu tun haben, bei ihnen kann ich mich öffnen, nur da fühle ich mich wohl und sicher. Da entsteht eine Tiefe und Qualität, die nicht mit Oberflächlichkeit und Unverbindlichkeit zu tun hat.

Wir können ab sofort aufhören zu warten. 

Wir können nur immer wieder bei uns selbst beginnen, das tun, was wir uns von anderen wünschen, auch wenn wir die Einzigen sind. Wenn nichts mehr hält, dann zumindest unser eigenes Wort. Das wäre doch ein sehr guter Anfang. 

 

Links:

https://www.petra.de/sex/liebe-psyche/artikel/der-neue-beziehungs-trend-unverbindliche-halbbeziehungen

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