Beratung ist vielfach zu einer Commodity geworden.

Eine „Delivery“, etwas, das Einkäufer nebst Druckerpapier, Kugelschreibern und Putzdiensten einkaufen. Die Tagsätze werden verglichen, die Berater wie Ware behandelt und die Beratungsleistung hat wenig mit Beratung zu tun.

Beratung ist zunehmend ein Sammelbegriff geworden, unter dem sich ein unübersichtliches Sammelsurium von Allem versteht: Trainings, Moderation, Implementierung von Methoden und/oder IT Systemen, Sammlung von Daten, Erstellung von Analysen, Konzeption und Durchführung von Workshops und Konferenzen, Erstellung von Konzepten, Auftragsgutachten und Diagnosen, Mitarbeiterbefragungen und so weiter. 

Die perfekte Symbiose 

Gesteuert und beauftragt werden die „Beratungsleistungen“ zumeist von Personalabteilungen, deren Hauptinteresse in der Vermeidung von Risiken liegt, auch wenn ich ihnen weder guten Willen noch eine ehrenhafte Intention und schon gar nicht fundierte Kompetenz absprechen will. Aber sie werden nun mal an der Bewertung der Seminare und Konferenzen durch die TN bewertet, oftmals hängt sogar ihr Bonus davon ab. Man geht also auf Nummer sicher, behält die Kontrolle, vermeidet Irritationen soweit es geht. 

Christian formulierte seine Beobachtung während einer Berater/Kundenkonferenz einmal so: „die Berater und ihre Kunden sind die perfekte Symbiose eingegangen: sie bedingen einander, nähren einander und sind ein geschlossenes System, das dazu geeignet ist, den Status quo durch Change Projekte zu stabilisieren“. 

Manche Beratungsmodelle sind so weit pervertiert, dass sie längst nicht mehr ihren Kunden dienen, sondern die Kunden bewirtschaften und nutzen, um selbst zu wachsen. Wie Parasiten kleben sie sich fest und saugen so viel aus, dass sie den Kunden gerade nicht umbringen. Sie setzen sich fest, sie übernehmen Funktionen innerhalb des Unternehmens und bilden eine symbiotische Oberschicht. Es gibt keine Werte und Ethik mehr, keinen Sinn und keine Anstand, sondern Gier und Skrupellosigkeit. 

Ich verstehe sehr gut, dass es in vielen Unternehmen Widerstand gegen Berater gibt. Dieser wird gerne als Widerstand gegen Veränderung uminterpretiert, was aber oft nicht stimmt. Im Gegenteil, viele Mitarbeiter haben Angst, dass sich nichts ändert und die Berater sind oft die Garantie dafür. 

Die „Beratung“ bezieht sich dann nur mehr auf das WIE, nicht mehr auf das WAS oder OB.

Wie sollte es auch anders sein? Die Berater kommen zu und in die Unternehmen und werden damit Teil des Systems. Sie sind eingeladen, eine vorgegebene Lösung zu „delivern“. Es geht nicht mehr darum, welche Fragen man sich stellen sollte (Beratung), sondern meistens wissen die Unternehmen schon, welche Antworten sie wollen (z.b. agile Transformation). Die Ausschreibung beinhaltet Auftrag wie Lösung und dann sucht man nach dem besten Dienstleister für die Umsetzung.

Auch daran ist nichts auszusetzen, es ist halt nur keine Beratung. Und das alles hat gar nichts mit Transformation zu tun, schon gar nicht die „digitale Transformation“: in den allermeisten Fällen handelt es sich um eine reine Prozessoptimierung und Automatisierung. Manchmal entstehen dabei auch neue Geschäftsmodelle, zusätzlich zu den alten. 

Die Menschen, die in diesen Beratungsprozessen teilnehmen, haben meist keine Wahl.

Sie sind nicht freiwillig in den Trainings und Workshops. Sie sind dort, weil sie müssen und eine zentrale Weisheit sie dorthin ordert. Und ja, man muss die Leute irgendwie dazu bringen, dass sie gemeinsam an der Abschaffung der eigenen Aufgaben arbeiten und dabei auch noch begeistert sind. Viele haben schon gute Strategien der Pseudo-Kooperation entwickelt. Sie tun, als ob. Voll engagiert. Und dahinter denken sie sich, dass sie auch diesen Prozess durch sich durchziehen lassen, so wie alle anderen davor. Viele Change Prozesse haben etwas gewalttätiges an sich, in freundlichere Form gepackt.

Transformation gelingt nur in großen Ausnahmefällen – denn eigentlich ist sie eine Systempanne

Ein Prinzip des systemischen Denkens besteht darin, dass sich Systeme selbstähnlich reproduzieren: die scheinbare Stabilität von Systemen besteht darin, dass sie irgendwann beginnen, eine eigene Identität zu entwicklen, die Sogwirkung erzeugt und ähnliche Menschen anzieht und unähnliche ausscheidet. Es stabilisiert sich selbst in seiner Monokultur, die auch „Diversität“ heißen kann. Dann ist eben dies das Leitprinzip. Sie erneuern sich ständig im Alten.

Haben Systeme Interesse an Irritation, Transformation und Entwicklung, die jenseits des Bekannten stattfinden? Ja, aber nur theoretisch. Denn sobald die Veränderung beginnt, die eigenen Identität zu bedrohen ist es vorbei, und das muß sie ja per Definition. Eindringlinge werden neutralisiert, integriert oder ausgeschieden. Berater wissen das und haben gelernt Wege zu finden, noch anschlussfähig zu bleiben und nur genau so viel Neues reinzubringen, dass es integrierbar wird. Eine perfekte Form der Veränderung innerhalb des vorhandenen alten Paradigmas, das nur dem Selbsterhalt und nicht der transformativen Entwicklung dient. 

Echte Transformation ist eigentlich eine Panne. Eine Öffnung, ein seltener Zufall, wenn irgendwo eine echte und tiefe Erkenntnis reift, die sich aus unterschiedlichen Gründen in der Organisation in Form von neuem Denken und Handeln nachhaltig manifestiert und von Führungskräften gehalten und ausgehalten wird, bis sie sich stabilisiert. Aber das passiert sehr sehr selten. 

Was wir brauchen ist nicht Veränderung sondern einen Paradigmenwechsel 

Wenn wir uns die Organisationen – repräsentativ für die Welt ansehen – sehen wir erschöpfte Menschen, die häufig nicht freiwillig in den Unternehmen arbeiten, sondern weil sie das Geld brauchen. Der Versuch, sie mit einem erfundenen Purpose und konstruierten Sinn bei der Stange zu halten, wirkt oft zynisch. Die Aussage, gehts der Wirtschaft gut gehts den Menschen gut, ist zynische Propaganda. Gehts der Wirtschaft gut, gehts der Wirtschaft gut. Die Frage ist: wer ist DIE Wirtschaft? (Diese Antwort lasse ich offen.) 

Beratung ist zahnlos geworden. Die Wirkung ist verblasst, es ist ein Geschäftsmodell wie alles andere, sie hat sich verkauft und damit selbst abgeschafft.

Zeit für NEUES

Wie wäre es, Angebote zu machen, die mit einer eigenen klaren Haltung verbunden sind, die ein inhaltliches Anliegen haben und eine fundierte philosophische Grundlage? 

Angebote, die darauf aufbauen, dass Menschen freiwillig, aus freiem Willen kommen, weil sie selbst etwas wollen, weil sie einen Raum zum Denken und Fühlen und Sprechen suchen, um sich ihre eigenen Lösungen und Antworten zu erfinden und zu finden. Formate, die Raum und Platz für innere Transformation und nicht für äußere Lösungen anbieten. Die neue Möglichkeiten eröffnen, die echten Dialog, innere Tiefe und menschliche Wärme ermöglichen, die das Leben an sich befördern. 

Das ist unsere Intention. Beratung ist ein Feld, das seine Berechtigung hat, aber für mich ist es Zeit zu gehen. Dann werde ich lieber eine Salondame, die philosophiert, Meditationsretreats anbietet und mit den Menschen über das Leben, das Große und das Ganze und das immer bereits Verbundene spricht.

PS: es gibt viele Berater, die großartige und wichtige Arbeit leisten. Ich will sie nicht diskreditieren oder beleidigen, sondern Tendenzen und Muster aufzeigen. Beratung ist allzuoft Erfüllungsgehilfe eines zerstörerischen Wirtschaftssystem. Viele BeraterInnen erkennen das und wollen das eigentlich verändern oder nicht mitmachen. Aber sie sehen für sich (noch) keine anderen Optionen.