Irgendwann muss es ja jemand sagen. Die nackte und ungeschulte Wahrheit über Change Management. Denn aus mit nicht ganz nachvollziehbaren Gründen glauben viele Manager nach wie vor, dass Change Management die “Wohlfühlpartie” sei. Dass es darum ginge, die Veränderung sanft zu begleiten, “alle immer und überall mitzunehmen” in einer Form, dass es nicht so weh tut. “Trommeln in der Toskana” und “Sesselkreishocker” sind oft noch die freundlicheren Zuschreibungen, die uns zu Beginn unserer sogenannten Change Projekte begegnen.

Während die Strategieberater das Eigentliche machen, das “Fachliche”, das, worum es wirklich geht, sind die Change Berater die lieben Begleiterchen, die liebevoll unterstützen und ein Wellnessprogramm für die verändungsverängstigten MitarbeiterInnen auffahren. (Wobei die Ängste und Widerstände ohnehin bei dem FK am meisten ausgeprägt sind, haben sie doch am meisten zu verlieren, siehe mein Blog: Corporate Guerilleros: die geheimen Tricks und Kniffe der Veränderungsgegner)

Doch schnell vergeht das Lächeln, manchmal friert es geradezu ein im Gesicht, dann nämlich wenn klar wird, wofür wir tatsächlich hier sind: dafür zu sorgen, dass Veränderung tatsächlich stattfindet!

Und seit wann bitte war echte Veränderung angenehm, erwünscht oder gar einfach? Da geht es meist ans Eingemachte: Alte Privilegien werden angekratzt und unterminiert, der Status Quo in Frage gestellt und die Veränderung ist wie der Corona Virus: er macht nicht mal vor der unternehmensweiten Oberschicht halt. Change Management hat die Aufgabe, für spürbare Veränderungen zu sorgen, Zeichen zu setzen, die die Organisation lesen kann und neue Möglichkeiten zu eröffnen.

Langgeübte Machtspielchen werden von den Veränderungsmanagern vom Verborgenen ans Licht geholt, mal gezerrt, mal einfach ausgeleuchtet, sodass diese ihren Sinn und ihre Kraft verlieren, Tabus werden angesprochen und somit in Frage gestellt, auf so manches rohe Ei, um das bisher herumgetanzt wurde, wird manchmal auch drauf gestiegen, bloß um zu merken, dass es ohnehin meist leer ist und gar nix passiert. Der Elefant, der durch Corona als der sprichwörtliche “Babyelefant” ohnehin schon im Raum ist, wird benannt und das kollektive bemühte Ignorieren desselben ist eine Unmöglichkeit geworden. Themen und Probleme, die bisher für unlösbar galten, werden frechen und einfachen Ideen zugeführt.

Junge Menschen und ihre Ideen bekommen Aufmerksamkeit und alte Machtmuster und Hierarchiegehabe wird sanktioniert.

Neue Fähigkeiten müssen erlernt werden, alte Gewissheiten sind von heute auf morgen Perdue gegangen und die gewohnten Hamsterbauten, sei es räumlich oder mental, werden eingerissen.

Klingt nicht angenehm, ist es auch nicht. Die Change Manager bekommen nun bald den Ärger und die Abwertung des Systems zu spüren und sind die neuen Feindbilder, zumindest für manche. So manche kommen drauf, dass die Gefahr nicht von den Strategieberatern dräut, denn diese sind für Konzepte und Folien zuständig, sondern von jenen die dann kommen und dafür sorgen, dass diese Konzepte und Folien auch in die Tat umgesetzt werden. Steht als auf einer der Folien, dass es um moderne Strukturen, flachere Hierarchien, Agilität gehen wird (das findet man in ca jedem Unternehmen), so kümmern sich die Change Manager darum, dass dies auch Realität wird.

Derweil bemühen sich die Change Manager sehr wohl, den Betroffenen das Leben leichter zu machen, indem sie unterstützen, Coachen, neue Fähigkeiten lehren (manche) und die Organisation transparent informieren, beteiligen und mobilisieren. Sie unterstützen jene, die sich schon lange wünschen, dass etwas Neues im Unternehmen entsteht, machen ihnen Mut und zeigen ihnen neue (Denk)Wege.

Es ist jedenfalls so, dass das Hirn faul ist und der Mensch ein Gewohnheitstier ist und sich allenfalls bewegt, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Und diesen Zustand herzustellen, ist allenfalls auch eine wichtige Aufgabe des Change Managers. Er/sie muss dafür sorgen, dass die Komfortzone so unkomfortabel wird, dass sich das Wesen erhebt und sich einen neuen Platz erschließt, mit einiger Anstrengung wie Lernen, Neues Probieren oder neuen Plätzen. Der Change Manager hat auch die Aufgabe dafür zu sorgen, dass das Gewohnheitstier aus der Komfortzone gelockt wird durch ein attraktives und interessantes Angebot, eine Alternative, die zumindest so verlockend ist, dass es lohnt aufzustehen und ums Eck zu schauen, was denn hier doch noch Neues lauern könnte. Vielleicht ist ja was drin für mich, denkt man sich dann.

Und wer will, kann dann gerne auch noch in der Toskana trommeln gehen, es gibt tatsächlich Schlimmeres.